6. Mai 2026

Just hang on the wheel, it’s gonna be fine!

Ich meldete mich vergangenen Juli für das Traka 360k an (ca. 330 km, 4100 hm, 80 % Offroad) - ohne mir groß Gedanken darüber zu machen, ohne nennenswerte Erfahrung, aber mit richtig viel Bock. Ich hatte mich auch bewusst für diese lange Distanz entschieden, da ich die volle Erfahrung wollte- inklusive Fahrt in die Nacht hinein.

Ich trainierte im Sommer zwei Monate lang nach Gefühl. Immer häufiger kamen Fragen zum Trainingsaufbau und zu einer sinnvollen Wochenplanung auf – bis mein Partner Adrian irgendwann sagte: „Komm, ich mache dir jetzt einen richtigen Plan.“ Gesagt, getan: Ich
startete ohne konkrete Erwartungen in das strukturierte Training und merkte sofort, wie viel Spaß es mir machte. Mehr oder weniger den Kopf auszuschalten und einfach umzusetzen, was im Plan steht, kann gerade in einem fordernden Berufsalltag sehr wohltuend sein.
Besonders mochte ich die ständige Ermüdung, die mir zeigte, wie sehr sich mein Körper und meine Fitness veränderten.

Als Person bin ich eher ruhig und introvertiert und so verbrachte ich sehr viele Trainingsstunden allein oder mit Adrian. Außerdem nutze ich keine Social Media Plattformen- ich verglich mich nicht auf Strava, Instagram und co. – ich machte mein Ding und spürte meinen eigenen Fortschritt. Abgestimmt mit Adrian achtete ich immer darauf, mich nicht zu sehr auf die Vorgaben und Daten zu konzentrieren, sondern immer den Spaß im Vordergrund zu halten. Ich liebte es, neue Strecken in Tirol und den Nachbarländern zu entdecken, meine Fähigkeiten beim Schrauben am Fahrrad weiterzuentwickeln und bewusster auf gesunden Schlaf sowie eine ausreichend und abwechslungsreiche Ernährung zu achten.


Trainiert habe ich sehr unterschiedlich- mit Rennrad, Mountainbike, Gravelbike und auf der Rolle- langweilig wurde es nicht.


Es wurde Winter, und ein Großteil des Trainings verlagerte sich auf die Rolle – mit längeren Trainings bis zu drei Stunden, Intervallen und weiteren Einheiten. Abwechslung brachten
eine zweiwöchige Radreise durch Vietnam sowie Langlaufen im doch recht langen Winter in Tirol. Da ich einen gesunden Respekt vor meinem Vorhaben hatte, war es nicht schwer für mich, die Motivation den Winter über aufrecht zu erhalten. Mit dem Frühling begannen die langen Fahrten draußen – und damit auch die Erkältungen. Einerseits brauchte ich dringend lange Einheiten, um neben der Fitness auch Themen wie
Ernährung, Sitzposition, Technik und Selbstvertrauen zu entwickeln. Andererseits war ich durch wiederholte Wintereinbrüche fünf Wochen lang immer wieder erkältet und musste mein Training mehrfach pausieren. Irgendwie gelang es mir dennoch, gelassen zu bleiben,
obwohl ich ständig ausgebremst wurde und die Aufregung vor dem Event immer größer wurde. Kurz vor dem Event konzentrierte ich mich hauptsächlich darauf, meine mentalen Batterien voll aufzuladen, mit dem Wissen, dass bei solchen Trips nie alles nach Plan läuft.
Der Roadtrip nach Spanien begann – allerdings alles andere als entspannt. Auto und Fahrrad wurden erst in letzter Minute fertig, und kurz vor der Abreise wurde es noch einmal richtig ernst: Durch einen Fehler meines Automechanikers hatte ich auf der Felbertauernstraße eine

Panne und verlor beinahe mein Vorderrad. Der Schock saß tief und wirkte noch ziemlich nach. In solchen Momenten merkt man, dass selbst die beste Planung nicht vor allem schützt – und dass man oft einfach flexibel bleiben und Probleme lösen muss, so gut es
eben geht.


In Girona angekommen, war schon das Abholen der Startunterlagen ein Erlebnis: Profis an jeder Ecke, unfassbar coole Räder, soweit das Auge reicht. Die Aufregung in der Luft mischte sich mit dem Duft von Kaffee aus Siebträgermaschinen. Die Gravelszene ist bekanntermaßen cool und hip, dennoch wirkte alles unkompliziert und freundlich. Eines fiel jedoch sofort auf: Frauen waren stark in der Unterzahl. 27 Profifrauen und 53 Frauen aus der Open-Kategorie erreichten das Ziel – im Vergleich zu 135 Profi-Männern und
867 Männern in der Open-Kategorie. Ich fand es schade, dass nicht mehr Frauen an den Start gingen- gleichzeitig war ich stolz darauf, eine der wenigen Frauen zu sein, die diese Strecke wagen. Mein Start verlief mäßig: Das Garmin hing sich komplett auf und den Pulsgurt, mit dem ich in den ersten Stunden mein Rennen steuern wollte, hatte ich im Auto vergessen. Trotzdem war ich so fokussiert, dass es mich kaum störte. Ich konzentrierte mich auf das Feld um mich
herum, auf die ersten Anstiege und eine saubere Fahrweise. Die erste Verpflegungsstation
bei Kilometer 55 war erreicht – und damit bereits fast ein Drittel der Höhenmeter. Es folgte eine flache Passage: 50 Kilometer Schotter. Schnell fand ich eine gute Gruppe und sammelte erste Erfahrungen im Fahren in der Gruppe.
Die erste Assistance Area (bei km 125, wo Adrian mich unterstützen durfte) erreichte ich bereits etwas müde – und fand Adrian zunächst nicht. Nach meinem Anruf kam er angelaufen, mit meinen sorgfältig vorbereiteten Boxen, und versuchte mir alles schnell zu
reichen – noch ziemlich chaotisch. Essiggurken, Chips, Aquarius, neue Carb-Flaschen, Trinkblase auffüllen, Hände waschen – und weiter.
Mental musste ich erst verarbeiten, dass diese Station so gar nicht nach Plan gelaufen war und ich auch noch etwas Wichtiges vergessen hatte: Die Kette hätte dringend geschmiert werden müssen. Es wurde immer heißer, und ich näherte mich langsam der Hälfte der
Strecke. Bei etwa 150 Kilometern – meiner bisher längsten Distanz – hatte ich ein kurzes Tief. Ich war bereits müde, und die Strecke lag noch endlos vor mir.
Doch genau zu diesem Zeitpunkt bildete sich wieder eine gute Gruppe, die mich mitnahm und alle Zweifel verschwinden ließ. Das war extrem wichtig, denn vor uns lagen 80 flache Kilometer. Ich fühlte mich zwischen all den Männern wohl und gut aufgehoben – es wurde
aufmerksam und respektvoll gefahren, alle auf Augenhöhe. Besonders beeindruckt hat mich ein Franzose, der sich ab und zu nach mir umschaute und sich im Zweifel leicht zurückfallen
ließ, um mich „abzuholen“. Diese ungefragte Unterstützung hat mich sehr berührt und durch die lange Passage getragen. Am nächsten Wasserpunkt sagte ich zu ihm: „Thanks, man!“ – er
antwortete nur: „We can go on if you want.“ Viel mehr Worte wechselten wir nicht, aber sie reichten völlig. Eine große Gruppe formierte sich erneut, und ich flog förmlich zur zweiten Verpflegungsstation, wo Adrian mich inzwischen routiniert versorgte – inklusive der dringend nötigen Kettenschmierung. Eine junge Frau holte bei jeder Pause ganz

selbstverständlich ihre Milchpumpe hervor und saß damit ruhig und selbstbewusst zwischen all den Männern auf dem Boden, während sie sich für die Weiterfahrt stärkte. Ich beobachtete sie voller Respekt – und freute mich über diesen stillen, aber kraftvollen
feministischen Moment. Nach 220 Kilometern fühlte ich mich besser als nach 125 und fuhr zügig weiter. Die nächste Verpflegungsstation lag nur 30 Kilometer entfernt, allerdings mit vielen steilen Anstiegen. Die Strecke führte durch einen wunderschönen Wald. Bergauf konnte ich einige Männer
hinter mir lassen, bergab hatte ich jedoch Probleme – meine Reifen hatten zu viel Druck für das ruppige Gelände.
An der dritten Verpflegungsstation traf ich erneut auf Adrian, überprüfte mein Licht,
wechselte die Brillengläser und bereitete mich auf die Fahrt in den Sonnenuntergang vor. Es lagen noch 75 Kilometer und 750 Höhenmeter vor mir. Gels konnte ich mittlerweile nicht
mehr sehen, und auch die Trinkflaschen nutzte ich kaum noch – ich wollte die Hände am Lenker behalten und kontrolliert fahren, um einen Sturz zu vermeiden. Das Gelände blieb
technisch anspruchsvoll: Sand, Steine, Wurzeln und ausgewaschene Wege, dazu die einsetzende Dunkelheit – volle Konzentration war gefragt. Deshalb entschied ich mich, meine Trinkblase mit 1,5 Litern Wasser und meinem Lieblings-Carbpulver zu füllen – das sollte für den Rest der Strecke reichen. Es wurde Nacht, ich fuhr mal in der Gruppe, mal allein, und die Stunden vergingen. Als sich gegen 23 Uhr wieder eine Gruppe näherte, fragte ein Brite in gewohnt knapper Konversation: „You good?“ Ich antwortete, dass es mir gut gehe, ich das Tempo dieser Gruppe aber nicht mitgehen könne. Er entgegnete gelassen: „Just hang on the wheel, it’s
gonna be fine!“ Angespornt von diesem Satz fuhr ich wie im Rausch hinter der Gruppe her – viel schneller und intensiver, als ich selbst im Dunkeln auf technischen Wegen je gefahren wäre. Es ging hoch und runter, durch enge Kurven und schnelle Abfahrten. Doch ich konnte dranbleiben und ließ irgendwann sogar den Großteil dieser Gruppe hinter mir.
Ich konnte kaum glauben, wie ruhig und souverän ich diese Strecke bewältigte. Ich fuhr alle Anstiege, hatte keinen Sturz oder Platten, kaum mentale Tiefs und keine Magenprobleme. Es fühlte sich an wie ein unglaublich intensiver, wunderschöner Radtag – an dem ich besser fuhr als je zuvor. Damit es nicht zu „einfach“ wurde, hatten es die letzten 20 Kilometer noch einmal in sich:
eine Flussquerung nach der anderen, Singletrails, Sand, Schiebe- und Tragepassagen – oft direkt entlang von Flüssen und Abhängen. Ständiges Auf- und Absteigen, Schieben, Fluchen.
Es wurde Mitternacht und ich dachte darüber nach, einfach auf Asphalt nach Girona zurückzufahren. Ich hörte Frösche quaken und Vögel singen und erinnerte mich daran, dass
es irgendwann zu Ende gehen wird. Nachdem wir gefühlt jeden möglichen Trail und jede unnötige Abbiegung mitgenommen hatten, sah ich Schweinwerfer – und den Zielbogen.

Im Nachhinein war meine Herangehensweise wohl genau richtig: getragen von einer großen
Portion Optimismus und Selbstvertrauen – ohne dabei in Selbstüberschätzung zu kippen. Ich wusste, dass mir Ausdauersachen liegen und dass ich solide Fahrrad fahren kann – und genau darauf habe ich vertraut. Zusätzlich habe ich acht Monate lang intensiv daran gearbeitet, mein Vorhaben verwirklichen zu können und ohne den strukturierten Plan wäre ich sicherlich nicht so gut durchgekommen. Es war motivierend zu sehen, wie steil eine Entwicklungskurve sein kann, wenn man ganzheitlich an einem Ziel arbeitet.

Mit dem Wissen, wie viel mir diese Reise persönlich gegeben hat, wünsche ich mir, dass noch mehr Frauen ihren Weg in solche Abenteuer und Herausforderungen finden. Einige der
Frauen, die ich unterwegs gesehen habe, waren gemeinsam mit ihren Partnern unterwegs. Für mich war es jedoch ein wichtiger Schritt, allein zu fahren und die Strecke aus eigener Kraft zu bewältigen.
Das Traka 360 war für mich am Ende eine durchwegs positive Erfahrung – geprägt von starken Begegnungen, gegenseitigem Respekt und dem Gefühl, meinen eigenen Raum eingenommen zu haben. Und es hat mir gezeigt, dass ich mich vielleicht schon viel früher in
meine eigenen Projekte hätte stürzen sollen. Jetzt beginnt die Suche nach meinem nächsten Projekt – und auch nach einem neuen
Fahrrad.

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